Dieses Hotel steht verdammt nah am Abhang. Nein, nicht genau dieses, das hier schnarcht in Mailand und macht einen viel weniger freundlichen Eindruck als unser Außenminister. Sondern das “Hotel Guido”, in dem die Koalition seit ein paar Monaten Wohnung genommen hat und das zu unser aller Überraschung, wie wir jetzt wissen, ein Mövenpick-Hotel ist. Der Abhang, an dem es steht, ist mit den Jahren von Schweizer Geld bereits unterspült worden. Durch deutsche Zorneswallung wird er von Tag zu Tag schütterer. In der Bundesrepublik scheint es keine politische Korruption mehr zu geben. Karlheinz Schreiber, der Letzte, der mit ordinärer Habgier rechnete, steht gerade vor Gericht und erzählt von Zeiten, als das Schmieren noch geholfen hat.
Inzwischen gibt es nur noch zeitliche Zusammenhänge. Die sind juristisch belanglos, aber manchmal wirkt ja gerade die Koinzidenz politisch wie eine Stinkbombe im Grandhotel: Die FDP wollte seit 2007 den Mehrwertsteuersatz für Hotelübernachtungen senken. Während die letzte Spendenrate für die Liberalen einging, saßen sie schon in Koalitionsverhandlungen – und blieben mal wieder standhaft. Und am Vermögenswachstumsbeschleunigungsgesetz für August von Finck hatte auch die CSU Interesse.
Der Wahl-Thurgauer und Mövenpick-Mitbesitzer Baron von Finck, der Spender, gilt als Hotelier von Prinzipien. Ein Bankier sagte über ihn: “Rechts vom Gustl steht bloß noch Dschingis Kahn.” Nach allem, was wir wissen, besorgte sich der große Mongolenfürst sein Gold selbst. Westerwelle und Seehofer müssen sich von einem Mann knapp links von Dschingis Khan helfen lassen. Das mag lustig sein, gefällt aber Frau Merkel nicht, die das Wort “Kontaktschuld” in fünf Sekunden simsen kann. Auch das Volk hatte sich Guidos “einfaches, niedriges und gerechtes Steuersystem” anders vorgestellt. In Zeiten der Schwerstverschuldung will es Steuersenkungen weder für sich noch für den Gustl. Nun sollten Hoteltester das “Guido” mal unter die Lupe nehmen. Die Tapeten werden feucht, Risse an der Decke. Nur der Übernachtungspreis stimmt. Vierzehn deutsche Mövenpick-Hotels haben aber natürlich immer ein Zimmerchen frei.
Bild und Text von Thomas E. Schmidt in DIE ZEIT Nr. 4 vom 21. Januar 2010 Seite 6



