Wochenlang hat uns unsere Chefin Anita mit dem Abspielen von Weihnachtsmusik und der Verbreitung vorweihnachtlicher Festtagsstimmung beglückt, nun ist mit der Aufstellung eines selbstgebauten Lebkuchenhauses der vorläufige und wohl auch endgültige Höhepunkt erreicht. Ländliches Idyll in süßer Miniaturform, dazu Klang und Gesang wie aus einer anderen Welt – das Büro Kahrs als kleines Utopia inmitten von Weihnachtsstress und politischem Theater, wie es derzeit von Berlin bis Kopenhagen geboten wird. Allein die Anspielung auf das Märchen von Hänsel und Gretel mitsamt der garstigen, Kinder verspeisenden Hexe – dargestellt mit Hilfe dreier fast zu freundlich wirkender Figürchen vor dem Haus – erscheint als subtiler, fast selbstironischer Wink mit dem Zaunpfahl.

Während man in Hamburg bis gestern noch vergeblich auf das kühle, stimmungsvoll gen Erde rieselnde Pendant des süßen Zuckergussschnees auf unserem Lebkuchenhaus wartete, bereitet sich nun auch das dem Weihnachtstaumel anheim gefallene Büro Kahrs auf seine, die Feiertage überbrückende Pause bis zum 4. Januar vor. Ein langes, ein mit vielen Erinnerungen behaftetes Jahr neigt sich dem Ende zu – und nicht nur in den ehernen Hallen der Industrie und des Gewerbes wird Bilanz gezogen. Während da draußen ökonomisches Minuswachstum, Klimasorgen und der King of Pop die sensationslüsternen Jahreschroniken öffentlicher und privater Massenkommunikationsmittel dominieren, sind es für uns vor allem zwei harte Wahlkämpfe, die in Erinnerung bleiben werden.

Fast scheint es unmöglich, sich an rasch dunkel werdenden Abenden beim Geschmack frischer Weihnachtsplätzchen an lange Nächte auf Plakatierfahrt im nur langsam schwindenden Sonnenschein oder Frühverteilungen an stark frequentierten Bahnstationen zu erinnern. Und doch ist selbst in seicht dahinsäuselnden Weihnachtskantaten immer noch das leise Echo manch überfüllter Bürobesprechung aus der Hochphase des Wahlkampfes im August und September zu erahnen. Auf der Fensterbank liegend, erinnert eine – scheinbar verloren ins triste Wintergrau starrende – Drahtschere an Exkursionen extremster Dringlichkeit an die Plakatierfront. Ihre Rostflecken und sonstigen Spuren allzu enthusiastischsten Gebrauchs lassen den Phantomscherz längst verheilter Wunden durch tückisch im Blattwerk verborgenen Draht wieder aufflammen. Diese Relikte eines ebenso erfüllenden, wie aufzehrenden Wettstreits um die Gunst der Bürger des Wahlkreises Mitte lassen die vergangenen Monate nie vollkommen aus dem Bewusstsein verschwinden und rufen exakt im richtigen Augenblick die passende Anekdote hervor, um drohende Stimmungstiefs aufgrund der allgegenwärtigen regennassen Winterkälte zu vertreiben. Den Rest besorgt auf die letzten Tage vor dem diesjährigen Toresschluss der angeordnete akustische Seelenfrieden auf Knopfdruck, bei dessen unvermeidbarem Genuss jeder weihnachtsaverse Mitarbeiter alle sichtbaren Formen der Skepsis im ureigensten Interesse tunlichst unterbinden sollte.
Langsam ziehen die finalen Stunden des Bürobetriebes 2009 ins spontan vom verspäteten Schnee weiß eingekleidete Kurt-Schumacher-Haus, leeren sich die Korridore und wetzen ein letztes Mal flinke Schuhpaare über den betagten und nach engagierter Intervention der Chefin baldigst zu ersetzenden Büroteppich. Man wünscht sich angenehme Feiertage und entschwindet in den Kreis der zeitweilig zu kurz gekommenen Liebsten – schon bald wird man sich in diesen geradezu symbolischen Räumlichkeiten des dritten Stocks wieder von den besten und schlechtesten Seiten (abhängig von Tageszeit und –form) erleben dürfen. Denn das Jahr 2010 kommt bestimmt.
Von Christian Kammeyer, Mitarbeiter und Plakatierbeauftragter des Büro Kahrs