IMG_2227-kleinEr hat viel gesehen. Er hat viel gespürt. Er hat viel ertragen. Jetzt muss er gehen – endgültig.
Nein, die Rede ist nicht etwa von einem überarbeiteten Dauerpraktikanten, sondern von der treuesten, langjährigsten, stoischsten und vermutlich am häufigsten übersehenen Komponente im Büro, und das, obwohl er neben dem größten Volumen (zusammengerollt) und dem am stärksten in die Wage fallenden Gewicht aller Gegenstände unseres Arbeitsalltags, zudem eine fast zwingende Omnipräsenz aufweisen kann: der Teppich.
Gänzlich unbemerkt verlief die kärgliche Existenz des fusseligen Genossen, war er doch dafür bestimmt, ohne ein Wort des Protests brachiales Schuhwerk in ausgewachsener Kompaniestärke auf sich herum trampeln zu lassen oder als Auffangbecken für missglückte Kleisterexperimente, hastige Kaffeeevakuierungen oder flüssiges Juso-Partyzubehör zu fungieren. All jene zahlreichen Schichten, die er als unfreiwilliger Archivar vergangenen Malheurs auf seinem Leidensweg erwarb, erzählen von der Geschichte des Büros und seiner Teilzeitbewohner wie die Jahresringe eines alten Baumes (ohne dabei jedoch – wie manch taktvoller Historiker – die schmutzigen Details mit dem Mantel des Vergessens zu überdecken).
Erst der mit geradezu fanatischer Entschlossenheit durchexerzierte Modernisierungs- und Verbesserungsdrang der Büroleitung ließ Hoffnung aufkeimen – nachdem Wände bereits in frisches, gar strahlendes weiß gehüllt worden waren, schien der Moment nahe, in dem sich auch des bemitleidenswerten Zustandes der Bürounterseite erbarmt werden sollte. Die Schwierigkeiten bei der Identifizierung der ursprünglichen Teppichfarbe dürften einen diesbezüglichen Entschluss in gebotener Eile sehr begünstigt haben.
Nun ist es also soweit und der letzte Auftritt des Alltagshelden gestaltet sich in Form eines kleinen Dramas, dessen hilf- und wehrloser Protagonist von rauen Händen lieblos aus dem Boden gerissen wird und in handlichen Portionen seiner baldigen Endverwertung harrt – der mit jungfräulicher Sauberkeit glänzende Nachfolger nimmt schnörkellos seinen Platz ein. Seiner historischen Verpflichtung ist er sich noch nicht bewusst.
Wir werden ihn vermissen, den alten Teppich. Ab jetzt müssen wir nämlich unsere Füße abtreten – oder die Kunst schnell, aber angemessen zerknirscht vorgetragener Entschuldigungen im Angesicht einer erbosten Chefin perfektionieren.


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